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Unternehmenskultur im Mittelstand und Familienunternehmen

Unternehmenskultur im Mittelstand und Familienunternehmen

Vor allem junge Führungskräfte mit betriebswirtschaftlichem Studium oder mit Berufserfahrung in Konzernen scheitern häufig, wenn sie ihre erste Stelle im Mittelstand oder bei einem Familienunternehmen beginnen. Egal was sie tun oder initiieren, sie stoßen auf Widerstand und Befremden. Woran liegt es, dass die Zusammenarbeit nicht funktioniert?

Häufig treffen zwei grundlegend verschiedene Systeme und Grundvoraussetzungen aufeinander. Junge Manager sind durch ihr Studium (z.B. der Wirtschaftswissenschaften) und ihre Berufserfahrung in Konzernen gut vorbereitet auf eine Managementposition in einem Großunternehmen mit anonymem Streubesitz (AG, Publikumsgesellschaft), jedoch nicht auf eine Position in einem Familienunternehmen.

Ein Praxisbeispiel soll den Sachverhalt verdeutlichen: der junge Betriebswirt erstellt professionell und durchdacht Vorschläge zur Maximierung von Umsatz und Gewinn, doch die Vorschläge werden mit dem Hinweis abgelehnt, das Familienunternehmen sei hauptsächlich an der langfristigen Zufriedenheit der Kunden und der eigenen Mitarbeiter interessiert.

Unternehmen im Mittelstand und im Familienbesitz ticken grundlegend anders als Konzerne. Kommunikation und Entscheidungen laufen häufig nicht über offizielle Meetings und Präsentationen. In der Praxis findet die Kommunikation bereits vor dem offiziellen Meeting statt, z.B. auf dem Gang oder beim Mittagessen.

Junge Manager sind irritiert, wenn sie das erste Mal in einem Familienunternehmen feststellen, dass die Maximierung von Umsatz und Gewinn nicht die höchste Priorität besitzt. Sie benötigen zusätzliche Qualifikationen, die über das im wirtschaftswissenschaftlichen Studium erlernte hinausgehen.

Vorteile von Familienunternehmen

Es gibt eine Vielzahl von Vorteilen in Familienunternehmen. Inhaber vertrauen häufig den eigenen Stärken, definieren hohe Ziele, nutzen die flachen Hierarchien für kurze Entscheidungswege und suchen üblicherweise eine hohe Kundenorientierung. Der Inhaber und Unternehmer übernimmt nicht nur für die eigene Inhaberfamilie, sondern auch für allen Mitarbeiter Verantwortung. Das Familienunternehmen profitiert von einer höheren Mitarbeiterbindung. So ist zu erklären, warum in vielen Familienunternehmen die Mitarbeiter über mehrere Jahrzehnte ihrem Unternehmen die Treue halten.

Der langfristige gemeinsame Erfolg steht im Vordergrund. Kontinuität ist wichtiger als der schnelle Profit. Häufige Wechsel der Strategie und Umstrukturierungen sind tabu. Kein Wunder; häufig werden Familienunternehmen über mehrere Jahrzehnte vom selben Inhaber geführt.

Herausforderungen für Familienunternehmen

Die besonderen Eigenschaften und Strukturen in Familienunternehmen prägen auch deren Herausforderungen. Das Vorbild des Inhabers prägt die Unternehmenskultur entscheidend. Und in Zeiten des immer schnelleren Wandels lauern hinter übertriebener traditioneller Orientierung und einer „das haben wir schon immer so gemacht“-Einstellung Gefahren. Familienunternehmen, bei denen die Inhaber bereit sind, sich immer schneller neu zu erfinden, werden auch das 21. Jahrhundert überleben.

Mit den Generationen erhöht sich in der Regel die Anzahl der Gesellschafter im Familienunternehmen. Und Teilgesellschafter stehen meistens distanzierter zum Unternehmen. Das Dilemma dabei: setzt dann ein Streit zwischen den Gesellschaftern der Inhaberfamilie ein, kann dies nicht nur die Familie, sondern das gesamte Unternehmen spalten.

„Familienunternehmen haben große Chancen und große Risiken. Über Erfolg oder Misserfolg entscheidet die Eigentümerfamilie“

Oliver Müller-Marc, Berater & Unternehmer

Auch die Unternehmensnachfolge stellt eine Herausforderung dar. Je stärker der bisherige Inhaber das Familienunternehmen prägte, umso schwerer hat es sein Unternehmernachfolger. Bei der Unternehmensnachfolge ist die Balance zwischen Tradition und Kontinuität auf der einen und Wandel beim Generationswechsel auf der anderen Seite ebenso entscheidend.

Tipps für den Einstieg im Mittelstand und Familienunternehmen

Lasse dich auf die Unternehmenswerte und -ziele des Unternehmens und seiner Inhaberfamilie ein. Verinnerliche und lebe diese und vergiss in der Anfangszeit im Familienunternehmen die Maximierung von Umsatz und Gewinn. Sei bereit, die informellen Kommunikationsstrukturen und Entscheidungswege anzuerkennen. Verbringe viel Zeit mit der Unternehmenskultur und der Familie der Eigentümer. Agiere umsichtig und zeige bei all den Werten des Familienunternehmens Loyalität. Es ist der einzige erfolgreiche Weg vom externen Manager zu einem Mitglied im Familienunternehmen. Aus dem Fremden wird mittelfristig der Vertraute, und aus gegenseitigem Misstrauen und Irritation wird künftig gemeinsamer Erfolg.

View Comments (3)

3 Comments

  1. Daniela

    Jan 25, 2011 at 16:00

    Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass sich Familienunternehmen und mittelständische Unterehmen fundamental von Konzernen unterscheiden. Der Familienunternehmer bestimmt maßgeblich die Unternehmenskultur.

    So wundert es mich nicht, wenn junge Absolventen nach dem Studium oder Führungskräfte mit Berufserfahrung in Konzernen bei ihrer ersten Stelle im Familienunternehmen oder mittelständischen Unterehmen scheitern.

    Nach dem Lesen dieses Artikels sollten Führungskräfte auf die Besonderheiten in Familienunternehmen oder im Mittelstand besser vorbereitet sein.

  2. Oliver Müller-Marc

    Jan 25, 2011 at 16:06

    Vielen Dank für deinen Kommentar Daniela.

    Wie so oft im Leben hat die Medaille zwei Seiten. Familienunternehmen und mittelständische Unternehmen bringen Vorteile als auch Nachteile mit sich.

    Wichtig für Bewerber und neue Mitarbeiter ist, dass sich sich diesen Vorteilen und Nachteilen bewusst machen und sich bei ihrem Start im Familienunternehmen oder Mittelstand gezielt darauf einstellen.

    Viel Erfolg wünscht,
    Oliver Müller-Marc

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Oliver Müller-Marc ist Marketing- und Vertriebsmann aus Leidenschaft, Herausgeber des Blogs 9PT und Gründer der Unternehmensberatung enseGO. Er liebt das Internet, Sport, Kochen, guten Wein und jede Menge schwarzen Kaffee aus der Siebträgermaschine.

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